Gedanken zum NAK-Jahresmotto 2012
„Dienet dem Herrn mit Freuden“ – aus der Perspektive eines jungen Menschen mag dieses Jahresmotto, das Stammapostel Dr. Wilhelm Leber für 2012 ausgesucht hat, nicht gerade verlockend klingen. In Deutschland wurde die Dienstpflicht gerade abgeschafft. Egal ob mit Kampfmesser oder Skalpell: Dienen scheint aus der Mode gekommen zu sein.
Auf den ersten Blick also könnte man dieses Jahresmotto als wenig zeitgemäß einstufen, mit den Schultern zucken und hoffen, dass das Jahresmotto 2013 ein bisschen mehr Knack hat. Das wäre schade. Denn wenn man einen zweiten Blick riskiert und sich etwas eingehender damit beschäftigt (so wie der Verfasser dieser Zeilen, weil er mal wieder vorschnell ein Wort zum Monat zugesagt hat), dann entwickelt „Dienet dem Herrn mit Freuden“ einen gewissen Charme, von dem man sich dann doch gerne in den Bann ziehen lässt.
Mit dem Begriff des Dienens kann eigentlich jeder etwas anfangen, welche Assoziationen das im Einzelnen weckt, unterscheidet sich vermutlich nur in Nuancen. Alles nicht so prickelnd, keineswegs nur aus jugendlicher Perspektive, so richtig schwillt einem die Brust dabei nicht. Der Begriff „Dienen“ bedeutet von seiner Herkunft gesehen so viel wie „Knecht sein“. – „Ja, das wird ja immer besser“, könnte man nun mit berechtigter Ironie denken.
Geduld (wieder so ein toller Begriff). Um eine gedankliche Ecke geht es noch herum. Dazu zwei Bibelverse aus dem Neuen Testament:
- „Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte.“ (1.Kor. 7,23 LÜ)
- „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ (Gal. 5,1 LÜ)
Als Christen, die Jesus freigemacht hat, dürfen wir Knechtschaft und Dienst aus dem Blickwinkel des neuen Bundes betrachten: Sie beziehen sich allein auf Gott. Davon, dass man Menschen und von ihnen geschaffenen Institutionen dienen soll, steht nichts in der Heiligen Schrift; und erst recht nicht, dass man dies etwa mit aufgesetzter Freude tun solle.
Dass im Jahresmotto – Ps. 110,2 – ausdrücklich steht „Dienet dem Herrn mit Freuden“ und nicht etwa nur „Dienet mit Freuden“ wird so gesehen zu einer befreienden Botschaft, weil das Befolgen menschlicher Weisungen, Lehrvorgaben, Gebote und Gebötlein mit „Dienet dem Herrn“ überhaupt nichts zu tun hat. Damit ist keineswegs ausgeschlossen, dass wohlüberlegte und gut gemeinte Empfehlungen lebens- und glaubenserfahrener Menschen beim Verrichten des Dienstes hilfreich, mitunter sogar sehr wertvoll sein können – aber eben nur dann, wenn sie auf die Förderung der Freiheit gerichtet sind, und nicht auf ihre Reduzierung.
Besonders im Glauben gilt, dass menschliche Vorstellungen, Lehraussagen, Institutionen und Ämter nur dort eine Daseinsberechtigung haben, wo sie freiheitsfördernd sind; wo sie mithin dem Einzelnen dabei helfen, dem Herrn – ausschließlich dem Herrn – mit Freuden zu dienen. Gerade das ist eine der wichtigeren Funktionen von Kirche: Die Freude am Dienen zu verstärken und in der Gemeinschaft gelebtes Christentum zu einem attraktiven Vorschlag sinnerfüllter Lebensgestaltung zu machen – modern, zeitgemäß, auch kurz vor dem 22. Jahrhundert. Wo das nicht so sein sollte, gilt es lösungsorientiert den Mund aufzumachen. Ihn zu halten käme insofern einer Verweigerung des Dienstes gleich.
Gut und schön, aber „Dienen“ und „Knecht sein“ sind damit ja nicht vom Tisch. Was soll daran toll sein? Ohne dies erschöpfend behandeln zu können – ein Gedanke: Die Gleichheit und Gleichwertigkeit aller im Dienst. Unabhängig davon, in welcher Form der Dienst verrichtet wird – alle sind gleichsam Kollegen auf Augenhöhe, keiner besser oder schlechter, keiner höher oder tiefer, gewiss keiner mit Heiligenschein. Papst oder Priester, EKD-Ratsvorsitzender oder Apostel, Instrumentalist oder Sänger, regelmäßiger oder gelegentlicher Gottesdienstbesucher, der dem Prediger einen freundlich blickenden Zuhörer schenkt – alles sind Formen dieses Dienens, alle sind Knechte des Herrn. Sie haben nur unterschiedliche Aufgaben übernommen. Die Intensität des Dienstes bestimmt jeder selbst, entscheidet – möglichst – autonom, welche Gaben und Fähigkeiten weiterentwickelt und zur Blüte gebracht werden. Im Mittelpunkt steht das Doppelgebot der Liebe: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Lk. 10,27 LÜ).
Abschließend mögen drei Stichpunkte dabei helfen, sich bewusst zu machen, wem man nun eigentlich mit Freuden dient bzw. dienen soll:
- Wir dienen Gott, der nicht der Zerstörer der Welt ist, sondern ihr Schöpfer.
- Wir dienen Jesus Christus, der nicht der Unterdrücker der Menschen ist, sondern ihr Befreier.
- Wir dienen dem Heiligen Geist, der uns keine Scheuklappen aufsetzt, sondern unseren Horizont erweitert.
Steffen Liebendörfer
Der Artikel ist zunächst am 6. Febraur 2012 als Gastbeitrag und „Wort zum Monat“ für das Jugendportal der NAK Mitteldeutschland auf www.jugend-mittendrin.de erschienen.



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