Impulse für den Gottesdienst am 29. Juli 2012

Neustart für das Leben

Bibeltext: 1.Kor. 15,53-55

Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit. Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht: „Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (LÜ)

Ich bin deines Vaters Geist;
Verdammt auf eine Zeitlang, nachts zu wandern
Und tags, gebannt, zu fasten in der Glut,
Bis die Verbrechen meiner Zeitlichkeit
Hinweggeläutert sind. Wär mirs nicht untersagt,
Das Innre meines Kerkers zu enthüllen,
So höb’ ich eine Kunde an, von der
Das kleinste Wort die Seele dir zermalmte,
Dein junges Blut erstarrte, deine Augen
Wie Stern’ aus ihren Kreisen schießen machte,
Dir die verworrnen krausen Locken trennte
Und sträubte jedes einzelne Haar empor
Wie Nadeln an dem zorngen Stacheltier;
Doch diese ewge Offenbarung faßt
Kein Ohr von Fleisch und Blut. – Horch, horch, o horch!
Wenn du je deinen teuren Vater liebtest
räch seinen schnöden, unerhörten Mord!

Mythen und Geschichten, oftmals zum Gruseln, ranken sich um das, was Verstorbene oder ihre Geister so umtreibt bzw. was sie so alles treiben. Erschrecken sie die Menschen als Geister? Laufen sie zur Mitternachtsstunde als Gerippe über dunkle Friedhöfe? Erscheinen sie manchem Lebenden gar im Traum? Im vorstehenden Auszug aus Shakespeares Hamlet erscheint eben jenem Hamlet der Geist seines verstorbenen Vaters und bittet ihn, seine Ermordung zu rächen. Am Ende gibt es viele Tote, einschließlich des Helden, und die Tragödie ist zu Ende.

Verstorbene, die irgendwie doch nicht so richtig tot sind, scheinen die Fantasie der Menschen zu beflügeln. In der zeitgenössischen Popkultur stehen derzeit wohl Vampire an der Spitze der Beliebtheitsskala. Seit selbst der Vatikan die Möglichkeit der Existenz intelligenten außerirdischen Lebens anerkannt hat (eine ebenso späte wie folgerichtige Erkenntnis, denn wenn Gott die Erde erschaffen haben soll, dann müsste er notwendigerweise ein Außerirdischer sein), richtet sich die Fantasie wieder mehr auf „irdische“ Phänomene. Dabei vermischt sich einiges miteinander: Der Mythos vom Jungbrunnen trifft auf den – oft von Angst unterstützten – Wunsch nach Unsterblichkeit und alles wird mit reichlich romantischem Kitsch überladen. Und schon ist der nächste Beitrag zur Volksverdummung fertig.

Nun könnte man als bekennender Christ, nicht frei von Arroganz, diesen ganzen „Schundkram“ abtun und hoch erhobenen Hauptes in die Kirche gehen. Je nach Tradition und Liturgie wird dort das Apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen. Und was steht denn da so drin?

  • Die Lebenden und die Toten werden gerichtet
  • Auferstehung der Toten
  • Ewiges Leben

Damit wird die oft harte Kirchenbank zum harten Boden der Tatsachen. Denn was sich gläubige Christen, auch die – mal mehr, mal weniger – erleuchtete Geistlichkeit so über Jahrhunderte zurechtgelegt haben, ist dem Gruselkabinett mit seinen Gespenstern, Vampiren und Aliens leider gar nicht so unähnlich. Damit ist weniger der Inhalt des Glaubensbekenntnisses gemeint, sondern die Vielfalt der Derivate, die sich mit der Zeit herausgebildet haben. Einige Menschen maßen sich doch in erstaunlicher Dreistigkeit an, die Verhältnisse im „Jenseits“ ganz genau zu kennen, inklusive der Bedürfnisse von Seelen, die dort angeblich warten oder sogar gefangen sind. Ganz mutige Zeitgenossen rufen sogar Dinge in die „jenseitige Welt“ hinein – was in etwa dem Gläserrücken entspricht, mit dem spiritistische Zirkel Kontakt zu den Seelen Verstorbener herstellen wollen.

Nun stehen Christen vor dem Problem, dass es einerseits klare Aussagen im Glaubensbekenntnis gibt, andererseits aber auch viel Unsinn, der auf dem an sich höchst fruchtbaren Boden des Apostolikums als Unkraut seine hässlichen Blüten treibt. Der Bibeltext für den Gottesdienst am 29. Juli 2012 ist einem außerordentlich schwierigen Kontext entnommen, es geht um die Auferstehung. Ein Thema, über das interessanterweise niemand etwas wissen kann, und zu dem trotzdem alle unbedingt etwas zu sagen haben wollen. Ein Prediger hat dabei eigentlich drei Möglichkeiten:

  1. Er liest das Schriftwort vor, predigt dann aber über etwas ganz anderes.
  2. Er liest das Schriftwort vor und lässt dann der Fantasie freien Lauf.
  3. Er liest das Schriftwort vor und rückt dann ein paar Dinge gerade.

Verantwortbar sind nur die Möglichkeiten eins und drei, wobei Nummer drei die Chance bietet, ein paar Zöpfe zu benennen, die dringendst abgeschnitten werden müssten.

Es geht um das Thema „Auferstehung“. Man muss an dieser Stelle ganz offen einräumen: Eine konsistente und schlüssige Aufarbeitung dieses Begriffes ist nicht ersichtlich. Und das ist überhaupt keine Überraschung: Wir wissen einfach nicht, was mit einer künftigen Auferstehung gemeint ist oder auch nur gemeint sein könnte. Jeder Versuch das Rätsel zu enträtseln wird es nur rätselhafter erscheinen lassen.

Dieses Nichtwissen ist überhaupt nicht schlimm – aus zwei Gründen: Erstens haben wir als Menschen überhaupt keinen Einfluss darauf, und zweitens liegen Chance und Aufgabe des Menschen im Diesseits und nicht im Jenseits. Wer sich schwerpunktmäßig mit dem, was irgendwann vielleicht sein könnte, befasst, sich überlegt, in welcher Reihenfolge die Menschen erlöst werden, der verliert das Wesentliche aus dem Blick, nämlich das Hier und das Heute. Denn hier und heute besteht eine reale Gestaltungsmöglichkeit. Wer die Welt verachtet und darauf baut, für ein diesseitiges Leben voller Verbötlein und Gebötlein mit einem ewigen Leben in einer Art Schlaraffenland belohnt zu werden, der ist in seinem Innersten ein Heuchler der schlimmsten Sorte.

Das soll nun kein Aufruf dazu sein, christliche Moralvorstellungen für das Zusammenleben der Menschen über Bord zu werfen. Mitnichten! Der Glaube an Gott führt dazu, diese als sinnvolle Grundlage des Sozialverhaltens anzunehmen und für sie auch in der Gesellschaft einzutreten. Soddom und Gomorra waren, stellt man sie zeitgenössischen Entwicklungen gegenüber, noch vergleichsweise putzig. Leider bekommt der Großteil der rund zwei Milliarden Christen auf der Welt den Mund nicht auf. Dabei hat jeder Christ einen Gestaltungsauftrag für sich und die Christen in ihrer Gesamtheit einen Gestaltungsauftrag für die Welt. Wobei diese beiden Aufträge auch jeden Menschen bzw. die Menschheit insgesamt betreffen. Wer sich Christ nennt, bekennt damit aber, dass er diesen Auftrag annimmt und ernst nimmt. Angeblich jedenfalls. Wie bequem ist es da, sich in eine naheschatologische Subkultur zurückzuziehen, nur über eine bald bevorstehende Auferstehung oder den „Tag des Herrn“ zu reden. Dabei bringt man es sogar fertig, Pardon, die ganze [gemeint ist das Endprodukt der Verdauung] zu sehen – und trotzdem wegzuschauen. Christlicher Gestaltungswille sieht anders aus.

Ein Pfarrer formulierte in seiner Predigt zum Ostermontag vor einigen Jahren einen Gedanken, über den man sich wirklich seine Gedanken machen sollte. Er sagte: „Der Tod kommt nicht erst auf dem Sterbebett. Vor dem Tod sterben das Leben, die Liebe, die Wahrheit, die Barmherzigkeit. Der Tod hat Handlanger, jetzt und hier, die das Leben sterben lassen.“

Auferstehung wird so auch zu einer Chiffre für einen Neustart des Lebens. Für diese Erneuerung und Wiedergeburt ist das Sakrament der Taufe zentral. Bei den frühen Christen gab es teilweise Taufbecken mit zwei Treppen. Eine Treppe führte hinein und eine weitere führte nach dem Untertauchen des ganzen Körpers wieder hinaus. Auf der Symbolebene wurden so nicht nur Tod und Auferstehung einander gegenübergestellt, sondern auch gezeigt, dass mit der Evolution des Menschen zum Christen ein komplett neuer Weg des Lebens beschritten wird.

Tauferneuerungen bzw. Taufgedächtnisse haben in den Liturgien der Kirchen ihren festen Platz. Jährlich wird dies in der Osternacht erlebbar, teilweise ist das Erinnern der Erneuerung verbunden mit einer bewussten Absage an den Teufel. Auch das Bekreuzigen beim Betreten eines katholischen Gotteshauses soll an die Taufe erinnern. Wer durch die Taufe zum Leib Christi – dem Leib des wahrhaftig Auferstandenen – hinzugefügt ist, hat einen Akt der Auferstehung bereits vollzogen. Die konsequente Implementation dieser Auferstehungserfahrung in das eigene Leben hat zur Folge, dass die Auferstehung von den Toten in einer anderen Seinssphäre keine substanziell andersartige Erfahrung darstellen wird.

Das nun folgende Schlusswort hat Joseph Ratzinger, der sich in seinen „Vorlesungen über das Apostolische Glaubensbekenntnis“ mit dem christlichen Auferstehungsglauben beschäftigt hat:

Das Ziel des Christen ist nicht seine private Seligkeit, sondern das Ganze. Er glaubt an Christus, und er glaubt darum an die Zukunft der Welt, nicht bloß an seine Zukunft. Er weiß, dass diese Zukunft mehr ist, als er selbst erschaffen kann. Er weiß, dass es einen Sinn gibt, den er gar nicht zu zerstören vermag. Aber soll er darum die Hände in den Schoß legen? Im Gegenteil – weil er weiß, dass es einen Sinn gibt, darum kann und muss er freudig und unverzagt das Werk der Geschichte tun, auch wenn er von seinem kleinen Ausschnitt her das Gefühl haben wird, es bleibe eine Sisyphusarbeit und der Stein des menschlichen Geschicks werde immer neu, Generation um Generation, nach oben gerollt, um ebenso immer wieder zu entgleiten und alle Bemühungen von vorher zuschanden zu machen. Wer glaubt, weiß, dass es „vorwärts“ geht, nicht im Kreis. Wer glaubt, weiß, dass die Geschichte nicht dem Teppich der Penelope gleicht, immer wieder von Neuem gewoben wird, um immer von Neuem aufgetrennt zu werden. Vielleicht werden auch den Christen die Albträume der Furcht vor der Vergänglichkeit überfallen, aus denen heraus die vorchristliche Welt solche bewegenden Bilder der Angst vor der Fruchtlosigkeit menschlichen Tuns geschaffen hat. Aber in seinen Albtraum dringt rettend und verwandelnd die Stimme der Wirklichkeit: „Habt Mut, ich habe die Welt überwunden“ (Joh. 16,33). Die neue Welt, mit deren Darstellung im Bild des endgültigen Jerusalem die Bibel schließt, ist keine Utopie, sondern Gewissheit, der wir im Glauben entgegengehen. Es gibt eine Erlösung der Welt – das ist die Zuversicht, die den Christen trägt und die es ihm auch heute noch lohnend macht, ein Christ zu sein.

 

Ideen für den Gemeindegesang:

Eingang
GB Nr. 431

Bußlied
GB Nr. 68 | 1+2

Abendmahl
GB Nr. 168a

Schluss
GB Nr. 59 | 1+3+4

(Diese GD-Impulse sind eine – ergänzende – Hilfestellung für die Vorbereitung der regulären Gemeindegottesdienste in der Neuapostolischen Kirche. Sie orientieren sich am Bibeltext der offiziellen „Leitgedanken für den Gottesdienst“, sind jedoch sonst nicht mit diesen identisch.)

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