Impulse für den Gottesdienst am 17. Juni 2012

Drei praktische Ratschläge

Bibeltext: Jak. 1,19-21:

„Ihr sollt wissen, meine lieben Brüder: Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn. Denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist. Darum legt ab alle Unsauberkeit und alle Bosheit und nehmt das Wort an mit Sanftmut, das in euch gepflanzt ist und Kraft hat, eure Seelen selig zu machen.“ (LÜ)

„Es gibt im Moment in dieser Mannschaft einige Spieler, die vergessen, dass sie Profis sind. [...] Ein Trainer ist kein Idiot. Ein Trainer sieht, was auf dem Platz passiert. [...] In diesem Spiel waren die Spieler schwach wie eine leere Flasche. [...] Diese Spieler beklagen sich mehr, als dass sie spielen. Wissen Sie, warum italienische Mannschaften diese Spieler nicht kaufen? Wie sie viel Male ihr dummes Spiel gesehen haben. [...] Strunz. Strunz ist seit zwei Jahren hier und hat zehn Spiele bestritten. Dauernd ist er verletzt. Was erlauben Strunz? [...] Ich habe fertig.“ [Das Zitat wurde sprachlich für eine verbesserte Lesbarkeit angepasst.]

Da war jemand aber so richtig zornig: Der Wutausbruch des Bayern-Trainers Giovanni Tapattoni bei einer Pressekonferenz im Jahr 1998 gehört zu den am besten dokumentierten Ereignissen dieser Art. Noch heute kann man es sich im Internet ansehen (externer Link). Sicher wäre es amüsant, auch einmal Jogi Löw derart im Zorn zu erleben, aber zugunsten des EM-Titels sollte der Verzicht dann doch leichtfallen.

Zorn – das Duden Bedeutungswörterbuch erklärt dazu: „Heftiger, leidenschaftlicher Unwille über etwas als Unrecht Empfundenes, dem eigenen Willen Zuwiderlaufendes.“ Gegen einen unkanalisierten Umgang mit derartigen Empfindungen wendet sich der Rat im Jakobusbrief, der in einer anderen Bibelübersetzung etwas klarer auf den Punkt gebracht wird: „Denkt daran, liebe Brüder und Schwestern: Seid immer sofort bereit, jemandem zuzuhören; aber überlegt genau, bevor ihr selbst redet. Und hütet euch vor unbeherrschtem Zorn!“ (Jak. 1,19 HFA)

Der Verfasser des Jakobusbriefes formuliert drei Empfehlungen:

1. Bereitschaft zum Zuhören

Zuhören kann anstrengend sein – nicht nur bei zu langen Predigten. Ein deutscher Universitätsprofessor berichtete einmal von einem Gespräch mit einem Kollegen, der immer, wenn er mit Zuhören an der Reihe war, eingenickt ist. Auch wenn es nicht immer so extrem abläuft: Wer hört schon gerne zu, wenn es nicht gerade gute Musik oder ein von einem guten Sprecher gelesenes Hörbuch ist? Viel lieber schreitet man schnell zur Erwiderung, fällt dem Gegenüber gar ins Wort. Man hat doch selbst so viel zu sagen! Das Glück, einen großartigen Redner zu erleben, der einen auch länger als eine Stunde fesseln kann, hat man in der Regel viel zu selten. Aber einem Mitmenschen zuhören? Mit all seinen Sorgen, Kümmernissen und Wehwehchen? Da könnte man ja glatt depressiv werden. Oder der gegenteilige Fall, wenn jemand Zuhörer für seine Prahlerei braucht: Mein neues Auto, mein neues Haus, meine neuen Dritten. Wie ätzend, wie abstoßend!

Doch um dieses Zuhören geht es im Jakobusbrief nicht vorrangig. Es geht um das Hören auf das Wort Gottes. In diesem Zusammenhang sei auf die Impulse für den Gottesdienst am 14. August 2011 verwiesen, in denen dieses Thema ausgiebig behandelt wird.

2. Erst Denken, dann Reden

Im apokryphen Buch Sirach wimmelt es nur so vor Weisheiten. So auch diese hier: „Besser ein Fehltritt auf dem Boden als ein Fehltritt durch die Zunge. Ein Wort zur Unzeit ist ein Braten ohne Salz, im Mund des Ungebildeten findet es sich dauernd.“ (Sir. 20,18a.19 EU). Manche Menschen tragen bekanntlich das Herz auf der Zunge; es gibt Zeitgenossen, bei denen der Mund schneller ist als das Hirn. Hier ermahnt das Schriftwort zu Zurückhaltung und Besinnung. Was sage ich? Wem sage ich es? Wie sage ich es? Bevor man den Mund aufmacht, sollte man sich diese Fragen gestellt haben. Vielleicht wäre eine Woche der Selbstbeobachtung etwas ganz Praktisches und Handfestes zum Mitnehmen aus dem Gottesdienst? Also: Bis zum nächsten Sonntag einmal bewusst darauf achten, was man sagt, zu wem man es sagt, wie man es sagt. Und dann einmal selbstkritisch schätzen: Wie viel davon war wirklich relevant?

Übrigens wirkt der Ratschlag erst zu denken und dann zu reden zurück auf den ersten Punkt, auf das Zuhören. Wer sich in seinem Reden darum bemüht, seinem Gegenüber oder seinen Zuhörern nur relevante Inhalte mitzuteilen, hat bessere Chancen auf offene Ohren. Denn mit der Zeit wissen potentielle Zuhörer: Derjenige stiehlt mir nicht meine Zeit mit unnützem Geschwätz, sondern hat mir wirklich etwas zu sagen.

3. Selbstbeherrschung im Zorn

Der Zorn hat gemeinhin ein schlechtes Image: Ein Sprichwort erklärt ihn zu einem schlechten Ratgeber. Er wird sogar zu den Hauptlastern gezählt – also zu jenen Charaktereigenschaften, die den Fall in die Sünde, ja sogar die Todsünde, begünstigen. In seiner Erscheinungsform als Jähzorn, und den hat der Bibeltext eigentlich im Blick, kann er sogar pathologisch werden. Psychologisch gebildete Menschen würden dann wohl von einer Störung der Impulskontrolle sprechen.

Dennoch wird im Schriftwort nicht gesagt, dass man nicht zornig sein soll. Zorn und Wut lassen sich ebenso wenig verbieten wie Freude oder Trauer. Entscheidend ist der Umgang damit. Der Schriftsteller Bertolt Brecht zählt zu den wenigen, die den Zorn in einem positiven Kontext dargestellt haben. Brecht schreibt: „Wer nicht fähig ist, über ein privates Unrecht, das ihm geschehen ist, zornig zu werden, der wird schwer kämpfen können. Wer nicht fähig ist, über andern angetanes Unrecht zornig zu werden, der wird nicht für die große Ordnung kämpfen können.“

Entscheidend ist also die Kanalisation der mit dem Zorn einhergehenden emotionalen Energie. Brecht sieht Kampf und Revolution als geeignet an. Der Bibeltext stellt jedoch die Sanftmut dem Zorn gegenüber. Die deutsche Sprache kennt das Adjektiv „zornmütig“, das mit „sanftmütig“ ein passendes Paar von Gegenbegriffen abgibt; mit dem nunmehr gebräuchlichen „jähzornig“ passt das nicht mehr ganz so schön.

Kann Zorn, dieses Laster, in Sanftmut – übrigens nach Gal. 5,23 eine Frucht Heiligen Geistes – umschlagen? Es mag wohl gehen. Nachdem der 17. Juni ohnehin ein zeitgeschichtlich bedeutsames Datum ist, sei an dieser Stelle der Blick in die Zeitgeschichte gestattet, genauer: In das Jahr 1989. Der Zorn der Menschen über Unrecht und Unterdrückung wurde 1989 – mit Hilfe vor allem der evangelischen Kirche – kanalisiert. Sanftmütig, mit Kerzen und Gebeten, wurde die friedliche Revolution eingeläutet. Die Kanonen blieben stumm.

Nun schließt der Bibeltext mit einem Hinweis auf das sanftmütige Annehmen des Wortes Gottes. Man könnte lange darüber nachsinnen, was das Wort Gottes genau ist und was es nicht ist. Einen wertvollen Hinweis findet man in dem Begriff „sola scriptura“ in der reformatorischen Tradition. Wobei vor einer vorschnellen Gleichsetzung von „Wort Gottes“ und „Bibel“ gewarnt werden muss. Denn in der Bibel selbst werden bestimmte Inhalte als „Wort Gottes“ deklariert, namentlich prophetische Reden, das Evangelium und Jesus Christus selbst. Nicht haltbar wäre etwa eine Gleichsetzung von Predigt und Wort Gottes. Eine Predigt kann nur ein Umgehen, eine Verarbeitung des Wortes Gottes auf dem Level der Erkenntnis sein, das der Prediger sich erarbeitet hat.

Hinweis: Am 17. Juni 1953 wurde der gegen die sozialistische Diktatur gerichtete Volksaufstand in der ehemaligen DDR durch sowjetische Truppen blutig niedergeschlagen; dabei gab es mindestens 55 Todesopfer. Da der Jahrestag auf einen Sonntag fällt, wäre es angemessen, hieran zu erinnern (z.B. Moment der Besinnung, Berücksichtigung im Gebet) und Dankbarkeit für die Freiheit zu zeigen. Bis zur Wiedervereinigung war der 17. Juni ab 1954 in Westdeutschland der „Tag der deutschen Einheit“.

 

Ideen für den Gemeindegesang:

Eingang
GB Nr. 100

Bußlied
GB Nr. 90 | 1+3

Abendmahl
GB Nr. 277

Schluss
GB Nr. 173 | 1+2

(Diese GD-Impulse sind eine – ergänzende – Hilfestellung für die Vorbereitung der regulären Gemeindegottesdienste in der Neuapostolischen Kirche. Sie orientieren sich am Bibeltext der offiziellen „Leitgedanken für den Gottesdienst“, sind jedoch sonst nicht mit diesen identisch.)

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