NAK leidet bis heute subtil unter Bildungsfeindlichkeit

Kultur der Sprachlosigkeit

Halle. Ein Blick in diverse einschlägige Internetforen reicht, um festzustellen, dass es mit der Kommunikationskultur in und um die Neuapostolische Kirche (NAK) nicht immer gut bestellt ist. Dies betrifft nicht nur die Form der Kritik, sondern insbesondere den Inhalt. Die Kritik scheint sich um Äußerlichkeiten zu drehen und die wenigen inhaltlichen Kritikpunkte werden immer wieder wiederholt, ohne ins Wesentliche, nämlich den theologischen Gehalt vorzustoßen. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Eine christliche Kirche hat eigentlich den Auftrag, in die Nachfolge Christi zu rufen.

Darüber wird in der neuapostolischen Öffentlichkeit nur wenig diskutiert. Es ist eine Kultur der Sprachlosigkeit zu beobachten, insbesondere was theologische Inhalte angeht. Solche Inhalte sollten eigentlich in Predigten transportiert werden. Dass diese Inhalte nicht diskutiert werden, heißt entweder, dass es sie nicht (ausreichend) gibt, oder dass eine Diskussion nicht erwünscht ist. Beides ist wohl in der NAK nicht ganz falsch.

Immunität der Predigtinhalte gegen Kritik

Immer wieder werden Predigtinhalte mit der Behauptung gegen Kritik immunisiert, dass es sich dabei um das Wort Gottes handle. Dies ist eine Behauptung, die auf dem Selbstverständnis der NAK als der einzigen Wirkstätte geistlichen Amtes beruht. Die Vorstellung geht in manchen Teilen der NAK soweit, dass die heutigen Apostel ein Primat gegenüber denen der Urkirche hätten, d.h. dass die Apostel sich mit ihrer Lehrmeinung auch gegen die Zeugnisse der urkirchlichen Apostel durchsetzen könnten.
Diese Argumentation hat eine fundamentale Schwäche: Auch „falsche“ Apostel werden von sich behaupten, dass sie die einzig wahren sind. Daher ist die einzig mögliche Referenz, ob es sich um „Wort Gottes“ handelt die, ob es in Einklang mit dem Evangelium Jesu Christi zu bringen ist. Um sich an dieser Referenz zu messen zu können, muss (!) darüber gesprochen werden. Ansonsten wird die Bibel zum Bausatz für eigene Wertvorstellungen degradiert. Dieses Risiko scheint die Kirchenleitung gerne einzugehen. Die Frage ist, weshalb sie sich der Gefahr aussetzt, nicht ihren wahren Auftrag auszuführen. Der Grund dafür ist wohl darin zu suchen, dass realistischerweise in den meisten Gemeinden weder Feedback gegeben noch angenommen und verarbeitet werden kann. Es mangelt sowohl den Mitgliedern der Kirche als auch den Verkündigern häufig an über „Faktenwissen“ hinausgehendes theologisches Wissen. Die Zusammenhänge sind für das Verstehen und Weitergeben der freudigen Botschaft aber wichtiger als „Ein-Vers-Theologie“. Die mangelnde Rückkopplung aus der Gemeinde sorgt sicher auch dafür, dass sich viele Prediger verunsichert fühlen. Dies führt wiederum dazu, dass sich viele im Predigtdienst stehende um so mehr verbitten, dass Kritik an den Inhalten der Predigt geübt wird.

Ursachen für die Sprachlosigkeit

Aus Sicht des Verfassers hat das Unvermögen über Inhalte zu sprechen eine lange Tradition in der NAK. Eine besonders starke Wirkungsgeschichte hat in diesem Zusammenhang die Botschaft von Stammapostel Bischoff. Durch die Ankündigung der Parusie (=Wiederkunft) Jesu zu seinen Lebzeiten und der Aufwertung dieses Dogmas zur Voraussetzung der Mitgliedschaft in großen Teilen der NAK, hat Bischoff die Kirche intellektuell-theologisch nachhaltig geschwächt.

  1. Durch Bischoff vorangetrieben wurden einige „theologische“ Akzente gesetzt, von denen sich die Kirche bis heute nicht erholt hat. Dies betrifft insbesondere die Überbetonung der Notwendigkeit des neuapostolischen Apostelamts. Bis heute hat die Kirche den inhaltlichen Schritt aus dem Schatten dieser Amtszeit nicht geschafft. Besonderer Ausdruck wird dem verliehen, indem die Kirchenleitung immer noch an dem besonderen Autoritätsanspruch (sowohl in Lehre als auch de facto in Administration), der Heilsnotwendigkeit, dem Entschlafenenwesen, usw. festhält. Diese autoritären Strukturen sind einem Dialog sicherlich nicht förderlich, was auch das Potential einer inhaltlichen Weiterentwicklung verpuffen lässt.
  2. Als Zeichen des besonderen Glaubens an die Botschaft, haben viele neuapostolische Christen damals auf eine Ausbildung verzichtet bzw. verzichten müssen. Bildung galt als Zeichen der zu starken Bindung an das Irdische. Unter dieser Bildungsfeindlichkeit leidet die Kirche subtil bis in diese Tage. Bildung wird nach wie vor in vielen Teilen der neuapostolischen Welt mit Argwohn betrachtet, Amtsträger mit einer gehobenen Ausbildung mit Missgunst beobachtet. Vor diesem Hintergrund wird auch heute noch eine inhaltliche Auseinandersetzung – sowohl des Einzelnen als auch der Gemeinde – mit den Inhalten der Bibel erschwert. Auch die „zurückhaltende Haltung“ gegenüber der historisch-kritischen Bibelwissenschaft zeugt von dieser Bildungsfeindlichkeit.
  3. Nach Ausbleiben der Parusie zur Lebenszeit Bischoffs sind nur diejenigen der NAK treu geblieben, die sich den in den Punkten eins und zwei erwähnten Charakteristika gegenüber konform verhielten. Die Kirchenleitung hat (mehr oder weniger) bewusst in Kauf genommen, dass dies geschieht, weil sie sich einer bewussten und ehrlichen Aufarbeitung dieser „dunklen Zeit“ in der NAK bis heute verweigert.

So gibt es etliche Lehren in der NAK die biblisch nur schwer verteidigt werden können. Erschwerend kommt hinzu, dass auf Grund der bildungsunfreundlichen Rahmenbedingung insbesondere auf Gemeinde- und Bezirksebene das Personal fehlt, um diese Verteidigung anzutreten. Gleichzeitig gibt es bis heute einen erheblichen Konformitätsdruck, was insbesondere die Lehraussagen angeht.

Sprechen lernen!

Im Moment wird in der neuapostolischen Umwelt meist über Rahmenprogramme, wie Musik oder Freizeitprogramme für diverse Zielgruppen, gesprochen. Auf Dauer wird eine Kirche allerdings keine Daseinsberechtigung haben, wenn sie im Wesentlichen als Freizeitveranstalter agiert. Der Inhalt zählt, nur mit theologischen Inhalten wird die Kirche als Werberin in die Nachfolge Christi ihrem Auftrag gerecht. Eine wichtige Rolle wird in diesem Zusammenhang der Katechismus spielen, da er erstmals die Lehre der NAK darstellt. Aus den ersten bekannt gewordenen Inhalten kann man schließen, dass es einiges an Gesprächsbedarf zwischen Kirchenbasis und Kirchenleitung gibt. Laut Zielbeschreibung soll es eines der Ziele des Katechismus sein, mit internen und externen Partnern in ein Gespräch zu kommen. Andererseits wird es für die Kirchenmitglieder schwierig sein, mit jemandem zu sprechen, der nur monologisiert. Daher ist es für die Basis wichtig, sich auch inhaltlich-theologische Impulse außerhalb des Katechismus zu holen.

In einer unregelmäßigen Reihe sollen in den nächsten Wochen auf religionsreport.de einige diesbezügliche Anfragen an die Kirchenleitung gestellt werden.

Das erspart allen Beteiligten natürlich nicht, sich auf diesen Dialog (vielleicht auch in streitbarer) Form mit der Wertschätzung, die jedem Menschen gebührt, einzulassen. Genau diese innere Einstellung der Wertschätzung wird die wohl größte Herausforderung werden, um endlich sprechen zu lernen und miteinander zu sprechen!

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