Rund hundert Kirchengemeinden schließt die Neuapostolische Kirche (NAK) in Deutschland Jahr für Jahr. Für die betroffenen Gemeindemitglieder ist dieser Vorgang nicht frei von Emotionen, die dabei bisweilen hochkochen. Im Rahmen einer nun als Buchpublikation erhältlichen Studie hat sich Roger Kammer aus Wien mit der „Konfliktbewältigung bei kirchlichen Zentralisierungsprozessen“ bezogen auf die NAK in im deutschsprachigen Raum detailliert auseinandergesetzt. Bemüht man sich um eine halbwegs diplomatisch formulierte Zusammenfassung der sich nach der Lektüre einstellenden Erkenntnisse, dann könnte man in etwa davon sprechen, dass Kammer der Kirchenleitung ein erhebliches Professionalitätsdefizit attestiert.
Fairerweise sollte am Anfang der Hinweise stehen, dass Gemeindezusammenlegungen für keine Kirche – NAK und andere – ein Gewinnerthema sind. Der Schließung einer Gemeinde gehen üblicherweise jahrelange Negativentwicklungen voraus; bei einer von Prosperität und Wachstum gekennzeichneten Positiventwicklung müsste es ja keine Schließungen und Zusammenlegungen von Standorten geben. Selbst wenn eine solche Entscheidung, wo sie getroffen wird, als evident und konsequent durchgehen kann, bleibt zumindest das Gefühl des Bedauerns. Wer über Aufrechterhaltung, Schließung oder Zusammenlegung von Gemeindestandorten entscheiden muss, findet sich gleichsam naturgemäß in der Rolle des Spielverderbers wieder. Man wird den Entscheidungsträgern im Regelfall zugestehen können, dass sie sich solche Entscheidungen nicht leicht machen und dass die Motive dafür redlich sind.
Allerdings – Thema Fairness: Mit der scheinen es Angehörige der NAK-Kirchenleitung bei solchen Prozessen nicht allzu genau zu nehmen. Denn Roger Kammer ist beim Zusammentragen der Informationen für den empirischen Teil seiner Studie keineswegs nur auf Menschen gestoßen, die das Ende ihrer Gemeinde zwar bedauern, sich dabei aber anständig behandelt fühlten. Nein, die Leute sind – zum Teil jedenfalls – stocksauer. Nicht nur, dass sie bis heute die Gründe für die ihre – nunmehr ehemalige – Gemeinde betreffende Entscheidung der Kirchenleitung schon wegen einer als substanziell anders wahrgenommenen Situation nicht nachvollziehen können, sie berichten darüber hinaus auch davon, wie dabei mit ihnen umgesprungen wurde – was dann mehr oder weniger ausgeprägte Zeugnisse menschlicher Sauerei sind; wohlgemerkt immer aus Sicht der Betroffenen.
Ein wesentlicher Teil der Studie dient der intensiven Vorstellung und Diskussion der Inhalte ausführlicher Einzelinterviews mit insgesamt zehn Betroffenen von Gemeindezusammenlegungen. Kammer hat diese nach wissenschaftlichen Kriterien vorbereitet, durchgeführt und ausgewertet. Sein methodisches Vorgehen legt er präzise dar. Die Interviews decken vier Gemeinden in vier Kirchenbezirken in wiederum insgesamt drei Gebietskirchen ab. Das bedeutet, dass die jeweiligen Fusionsprozesse aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert werden konnten; zugleich kann, da alle Interviewpartner sich ehrenamtlich in ihren Gemeinden engagiert haben, von einer überdurchschnittlichen Sachverhaltsnähe ausgegangen werden.
Ein möglicher Angriffspunkt gegen die Studie – deren Ergebnis manchem Kirchenfunktionär schwer missfallen dürfte – liegt in der geringen Zahl der Interviews insgesamt, weswegen diese – jedenfalls in den Teilen, die sich auf die Angaben in den Interviews stützen – als kaum repräsentativ angesehen werden können. In diesem Zusammenhang ist allerdings zu bemerken, dass die NAK in Europa eine überschaubare Größe hat – mit Mitgliedern, die absolut überwiegend mit wissenschaftlichen Studien zu „ihrer“ Glaubensgemeinschaft nichts zu tun hatten und haben. Auf die Schwierigkeiten bei der Akquise geeigneter Ansprechpartner für Interviews weist Roger Kammer hin. In methodischer Hinsicht wurde aber – soweit für den Rezensenten beurteilbar – sauber vorgegangen, was das Placet der Hochschul-Gutachter auch indiziert. Außerdem liefert der Autor der Studie mit seinen Interviewfragen eine Schablone für eine breiter angelegte – vielleicht sogar reguläre? – Evaluation von Gemeindezusammenlegungen, sollte die Kirchenleitung ein Interesse hieran entdecken.
Obwohl in der Studie Wert auf einen sensiblen Umgang mit personenbezogenen Daten gelegt und eine Anonymisierung der Interviewpartner angestrebt wird, kommen einem manche Vorgänge doch irgendwie bekannt vor – was nicht darauf hindeuten muss, dass der Rezensent den Fall kennt, sondern auch darauf hinweisen kann, dass es sich gerade nicht um Einzelfälle, sondern um ein vielmehr größeres Problem handelt.
Der Interviewpartner „IP4“- selbst seit über sechs Jahrzehnten Mitglied der NAK – konfrontiert die Kirchenleitung mit einem beispiellosen Missmanagement bei der von ihm erlebten Gemeindezusammenlegung. „Gemeindezusammenführung, wie man es nicht machen sollte“, lautet die Überschrift des entsprechenden Abschnitts. Das verheerende Ergebnis: Ein Großteil der früheren Gemeindemitglieder habe sich von der NAK abgewendet. Der Altersdurchschnitt der Gottesdienstbesucher am neuen Standort soll bei 72 Jahren liegen. „IP4“ selbst war viele Jahre aktiver Amtsträger. Als Ruheständler fühle er sich um die Ergebnisse seiner lebenslangen Arbeit in der NAK betrogen, was er vor allem am Handeln und Auftreten des zuständigen Apostels festmacht. Dessen Gottesdiensten bleibt er kategorisch fern. Weiter wird „IP4“ wie folgt zusammengefasst: „Er fühlt sich durch die unbegründeten und unberechenbaren Entscheidungen der Kirchenleitung belogen. Was schief laufen konnte, ist schief gelaufen, es kam schlimmer als befürchtet. Für die Gemeinden sieht er keine Zukunft mehr.“
Zusammenfassung und Diskussion der Interviewergebnisse verdichten den Eindruck, dass die festgestellten Konflikte ihren Ursachenkern nicht in einer konkreten Zentralisierungsentscheidung haben, sondern im Bereich des Grundsätzlichen liegen. In einem Grundlagenkapitel setzt Kammer sich genau damit auseinander. „Kirchen, besonders hierarchisch strukturierte wie die NAK, haben sehr eigene Regeln. Die gegenseitigen Erwartungen zwischen Kirche und Mitglied sind teilweise von überlieferten Wertevorstellungen geprägt, die sich nicht mit den Wertevorstellungen der freiheitlichen Demokratien decken. Das betrifft insbesondere die Vorstellungen von Eigenverantwortlichkeit und Mündigkeit des Menschen“, so die wenig schmeichelhafte Erkenntnis.
Die untersuchten Fälle haben aber noch schwerere Missstände offenbart. So konstatiert der Autor der Studie im Zusammenhang mit den von ihm untersuchten Fällen, dass Führungsverantwortliche in der NAK den Anforderungen, die sie selbst an sich stellen, nicht gerecht würden. Dabei bezieht er sich auf das Leitbild „Dienen und Führen“ aus dem Jahr 2001. Die dort eingeforderten Eigenschaften wie „Offenheit, Ehrlichkeit, [...], Kommunikations- und Kritikfähigkeit“ seien von den Interviewpartnern „durchgängig“ vermisst worden. Das gelte auch für die im Leitbild als Voraussetzungen einer gesegneten Zusammenarbeit benannten Eigenschaften „gegenseitige Achtung, Offenheit, Bescheidenheit und Verschwiegenheit“. Einen solchen Befund zehn Jahre nach Veröffentlichung des Leitbildes, das „eine einheitliche Grundlage für das Dienen und Führen innerhalb der Kirche schaffen“ wollte und „das für alle verbindlich sein“ sollte, findet Roger Kammer erstaunlich. Dies zeige, „wie langsam Veränderungen in Denk- und Verhaltensstrukturen ablaufen können.“
In der Entscheidung über die Schließung bzw. Zusammenlegung von Kirchengemeinden sieht Kammer einen Vorgang von erheblicher Brisanz – und durchaus einen Testfall für leitbildkonformes Führungsverhalten. Das Ergebnis seiner Auseinandersetzung mit den Grundlagen fällt ernüchternd aus, das Potential für zahlreiche und komplizierte Konflikte sieht er damit als gegeben. Ein Auszug:
„Eine solche Entscheidung in der NAK wird in einer Gemeinschaft getroffen,
- die zum Teil keine Kritik akzeptiert und Konflikte an sich verdrängt,
- wird, wenn sie ganz oder hauptsächlich mit Finanzierungsproblemen begründet wird, in einer Kirche getroffen, die keine echte Transparenz ihrer Finanzsituation kennt,
- wird von Entscheidungsträgern getroffen, die zum Teil noch autoritäres Führungsverhalten gewohnt sind und die Mündigkeit des Christen noch nicht verinnerlicht haben,
- trifft auf ungeschulte Seelsorger, die nicht notwendigerweise für begleitende Seelsorge qualifiziert oder geschult sind,
- berührt bei Mitgliedern, die Gemeinde als emotionale Heimat empfinden, subjektiv als existenziell empfundene Gefühle und
- betrifft Mitglieder, die auch durch stillen Rückzug auftretenden Konflikten ausweichen können.“
Diese Rahmenbedingungen, die der Kirchenleitung durchaus bekannt sein dürften, verheißen wenig Gutes. Das spräche eigentlich dafür, Standortentscheidungen an Profis zu delegieren, die einschlägige Erfahrungen im aktiven Management kirchlicher Restrukturierungsprozesse vorzuweisen, wenigstens aber ein diesen Bereich abdeckendes fachliches Profil haben. Der Befund in der Kammer-Studie verhält sich dazu jedoch diametral: „Entscheidungen in Zentralisierungsprozessen kirchlicher Gemeinschaften haben nicht nur seelsorgerliche Aspekte, sondern sind auch strategischer Natur. Die leitenden Organe der Kirche sollten für solche Entscheidungen qualifiziert sein. Für die Berufung zum Leiter von Gliedkirchen, von Bezirken und Gemeinden in der NAK werden jedoch keine Qualifikationen als Unternehmensleiter oder Manager, keine Erfahrungen in Personalführung, Kommunikationsmethodik und Projektsteuerung und keine Begabung zu strategischem Denken vorausgesetzt. [...] Anders als bei großen Kirchen mit Leitungsebenen, die gut mit „Fachleuten“ besetzt sind, kann in der NAK nicht von vornherein davon ausgegangen werden, dass die Gemeinde-, Bezirks- und Kirchenleiter fachlich für die bei Zentralisierungsprozessen zu treffenden Entscheidungen qualifiziert sind.“ Das ist die vornehme Zurückhaltung der Wissenschaftssprache und heißt in einfaches Deutsch übersetzt: Hier sind Ahnungslose am Werk.
Eine neun Punkte umfassende Liste mit Empfehlungen für die Gestaltung von kirchlichen Zentralisierungsprozessen rundet Kammers Studie ab – die keinesfalls als Gefälligkeitsstudie in eigener Sache zu werten ist. Wollte man Roger Kammer diskreditieren, so könnte man streuen, hier wolle sich jemand für Aufträge empfehlen, bei denen dieser Jemand nach Abschluss seines Masterstudiums in Mediation an der freundlichen Gestaltung von Gemeindeschließungen schönes Geld verdient. Zugegeben, wäre das Kammers Absicht, dann wäre das sogar ziemlich schlau – denn immerhin gibt es in Deutschland noch etwas mehr als 2.000 Gemeinden, die man schließen könnte. Jedoch: Fehlanzeige. Das Endergebnis der Studie fällt eindeutig dahingehend aus, dass sich bei „Konflikten im Zusammenhang mit der Schließung von Kirchengemeinden in der NAK für Mediation als Verfahren zur Konfliktbewältigung keine wesentlichen Handlungsfelder erkennen“ lassen. Ein „Engagiert mich“-Ruf ist das nicht: Gemeindezusammenlegungen in der NAK möchte Kammer nicht als Mediator begleiten. Das mache, so lässt er den Rezensenten wissen, vor dem Hintergrund der Studienergebnisse einfach keinen Sinn.
Hinweis:
Lesen Sie auch die schon vor der Veröffentlichung erschienene Buchbesprechung von Frank Preusse, die am 2. April 2012 in unserem Magazin erschienen ist.
Roger Kammer:
Bedient und geführt?
Konfliktbewältigung bei kirchlichen Zentralisierungsprozessen
Eine empirische Exploration bei Fusionsprozessen
von Kirchengemeinden in der Neuapostolischen Kirche
ISBN 978-3-8382-0379-9
150 Seiten; 24,90 Euro.



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